Für sie war die Wiedervereinigung das Wunder ihres Lebens

Die CDU-Politikerin Dagmar Schipanski sprach bei den Christdemokraten in Wiesloch über „25 Jahre Deutsche Einheit“

Frau Prof. Dr. Dagmar Schipanski bei ihrer Rede.
Frau Prof. Dr. Dagmar Schipanski bei ihrer Rede.
Wiesloch. (pen) Wer dieser Tage nach Frankfurt kommt, wird sich über ein ungewöhnliches Schauspiel wundern: Auf der Paulskirche tanzen Wörter. Mit der Lichtinstallation erinnert das Frankfurter Kulturamt zum Tag der Deutschen Einheit an die unterschiedliche Entwicklung der Sprache im Osten und Westen. Die deutsch-deutsche Wiedervereinigung kann man aus unterschiedlichen Perspektiven sehen. Für Dagmar Schipanski ist sie „das Wunder meines Lebens“. Die deutsche Politikerin – ehemalige Präsidentin des Thüringer Landtags und ehemalige Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Thüringen sowie ehemalige Kandidatin von CDU und CSU für das Amt der Bundespräsidentin – sprach in Wiesloch über ihre Erfahrungen mit der Einheit. Sie war Gastrednerin auf der Feier „25 Jahre Deutsche Einheit“, zu der CDU-Stadtverband Wiesloch und CDU-Kreisverband Rhein-Neckar gemeinsam ins Kulturhaus eingeladen hatten. 

Zunächst stellte Dr. Stefan Harbarth, Kreisvorsitzender der CDU, die Gastrednerin vor. Dagmar Schipanski wurde 1943 in Thüringen geboren. Sie studierte angewandte Physik an der Technischen Hochschule in Magdeburg, 1990 wurde sie zur Professorin ernannt. Obwohl sie noch keiner Partei angehörte, wurde sie 1999 von den beiden Unionsparteien CDU und CSU als Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin aufgestellt. Nach ihrer Niederlage gegen Johannes Rau wurde sie im Kabinett Bernhard Vogel im Sommer desselben Jahres Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Thüringen (bis 2004). Im Jahr 2000 trat sie der CDU bei und war bis 2006 Mitglied des Parteipräsidiums. Von 2002 bis 2004 war sie Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Bei der Landtagswahl 2004 wurde sie in den Thüringer Landtag gewählt und übte in dieser Legislaturperiode das Amt der Landtagspräsidentin aus.
 
In ihrem Vortrag „25 Jahre Deutsche Einheit“ ging sie zunächst auf die Zeit vor der Wiedervereinigung ein. „Unser Land durchzog einer der grausamsten Zäune der Welt“, erklärte sie. Die Grenze habe aus Minen, Stacheldraht, abgerichteten Hunden und jungen Soldaten mit Schießbefehl bestanden. „Die Grenze bedeutete für uns im Osten, eingesperrt und abgeschnitten von geistigen Strömungen zu sein, sowie Unterdrückung und Bespitzelung“, so Dagmar Schipanski. Am 9. Oktober 1989 haben 70 000 friedliche Demonstranten in Leipzig die Revolution eingeleitet und die Weichen für die Wiedervereinigung gelegt. „Es war die Kraft der Kerzen gegen die Macht der Stasi“, nennt es die Politikerin.
 
Die Wiedervereinigung sei für sie das „Wunder ihres Lebens“, dafür stehe sie noch heute. Die Frage sei jetzt, ob sich die Menschen den Sinn für das Wunder bewahrt hätten. Die Länder im Osten erstrahlten heute in neuer Schönheit, viele Innenstädte seien liebevoll restauriert worden, das Einheitsgrau sei verschwunden. „Das ist die Erfolgsgeschichte der deutschen Einheit.“ Deshalb seien die Milliardeninvestitionen in die neuen Länder gut angelegt gewesen.
 
Das Ziel im vereinten Deutschland sei jetzt, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Damit meine sie viele verschiedene Facetten, nicht nur die materiellen, sondern auch die geistig-mentalen Lebensverhältnisse. Gleichheit bedeute nicht nur gleiche Chancen für alle, sondern auch „Gleichwertigkeit“ aller Menschen, unabhängig von Hautfarbe und Herkunft.
 
Kritik übte sie daran, dass nach der Wende das deutsche Rechtssystem auf die neuen Länder ausgedehnt wurde, ohne die Probleme zu sehen, die dies für die Ahndung des Unrechts während des SED-Regimes bringen würde. Viele Opfer und Verfolgten des DDR-Regimes müssten ihre Rehabilitierungen in langwierigen Prozessen nun einklagen. Sie hätten als Gegner ehemalige SED-Funktionäre, die heute als Rechtsanwälte arbeiteten und kein Unrechtsbewusstsein hätten. „Die Richter aus dem Westen sind mit dieser Situation überfordert. Sie haben auch keine Erfahrung mit Rechtsbeugung“, erklärte sie. Die Rednerin zitierte die prominente DDR-Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley: „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat.“
 
Während der langen Zeit der deutsch-deutschen Trennung hätten sich unterschiedliche Vorstellungswelten entwickelt. Die Menschen bräuchten heute einen klaren inneren Standpunkt. Ihn könne man finden, wenn man sich frage, was die Menschen im Osten und im Westen vereine. In den vergangenen 25 Jahren seit der Wiedervereinigung sei man zusammengewachsen zu einer gemeinsamen, pluralen Gesellschaft, die durch Freiheit und Demokratie geeint werde. „Ich bin froh, in diesem Land zu leben“, schloss sie ihren Vortrag.
 
Für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung sorgten Susanne Piro (Sopran) und Brigitte Becker (Klavier) von der Musikschule Südliche Bergstraße.
 

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